Umwelt und Klimawandel als Geofaktoren
Was das 20. Jahrhundert vermeintlich "abgeschafft" hat ist jetzt wieder da: Die Natur lässt sich von uns Menschen nicht total beherrschen und steuern, auch nicht mit der Spitzentechnologie von heute. Klimawandel und seine Folgen in Form von ungewöhnlichen, rasch wechselnden Wetterlagen, aber auch Vulkanausbrüche, Erdbeben und Tsunamis haben in jüngster Zeit gezeigt, welche gewaltige Dynamik sich da entfalten kann, und zwar ziemlich unberechenbar, das heisst nicht eigentlich vorhersehbar. Es zeichnet sich ab, dass diesen Ereignissen nur mit Anpassungsstrategien begegnet werden kann. Diese Erkenntnis ist unbequem, ja schwer verdaulich für den modernen Menschen, der es sich gewohnt ist, jedes Problem mit technischen Mitteln zu lösen. Aber mit Realitätsverweigerung kommen wir nicht mehr sehr weit, es sei denn um den Preis unermesslicher Katastrophenopfer. Zudem würden wir uns dadurch die verbleibenden Handlungsspielräume noch mehr einengen, selbst für die am besten ausgestatteten Bevölkerungsschichten und die "sichersten" Weltregionen. Dieses Szenario ist allerdings kein Rückfall in einen neuen Geo¬determinismus, sondern ein Appell an vernunftgesteuerte Nachhaltigkeit, denn noch sind wir in der Lage, alternative Entscheidungen zu treffen.
Zu diesem aktuellen Themenkreis vermittelt die Vorlesungsreihe interessante Beiträge aus den verschiedensten Blickwinkeln, präsentiert von namhaften Referentinnen und Referenten aus verschiedenen Fachgebieten. Neben geographisch weit gestreuten Fallbeispielen spielt bei diesen Betrachtungen auch die zeitliche Dimension eine zentrale Rolle, denn auch lange Zeitreihen beziehungsweise historische Bezüge vermitteln uns vertiefte Einblicke.
26. September: Wetter, Klima, Katastrophen Perspektiven zur historischen Klimaentwicklung der letzten 1000 Jahre in Mitteleuropa
Rüdiger Glaser Universität Freiburg i/Br.
Katastrophale Hochwasser, die über das uns heute bekannte Ausmaß hinaus gingen, Stürme und Orkane, die ganze Wälder abräumten, oder Küsten unter Wasser setzen und Tausende Opfer forderten, Tornados sowie kalte und warme Klimaphasen waren, wenn man die 1000 Jahre Klimaentwicklung in Mitteleuropa Revue passieren lässt, die Normalität.
Wie stehen diese Erkenntnisse in Relation zu den modernen belegten und prognostizierten Klimänderungen? Was verraten uns historische Analysen?
Während viele Bewertungen zum Klimawandel auf naturwissenschaftlichen Daten basieren, eröffnet die Auswertung gesellschaftlicher Archive, andere und neue Einsichten. Was man erfährt sind eindrucksvolle Hinweise zum langfristigen Gang des Klimas, aber auch lebensnahe Bilder von der Klimawahrnehmung und zu den Folgen und Anpassungsstrategien der Menschen.
17. Oktober: Die Himmelsscheibe von Nebra: Zwischen Logos und Mythos
Harald Meller Universität Halle
Achtung Dieser Vortrag findet im Vortragssaal des Historischen Museums statt
Die Himmelsscheibe von Nebra zählt zu den bedeutendsten archäologischen Funden des letzten Jahrhunderts. Sie ist Teil eines Hortfundes, der um 1600 v. Chr. auf dem Mittelberg bei Nebra in Sachsen-Anhalt niedergelegt und dort im Juli 1999 von Raubgräbern entdeckt wurde. Nachdem die Himmelsscheibe und ihre Beifunde über fast drei Jahre lang in der Kunsthändlerszene die Käufer wechselte, konnte das Fundensemble im Februar 2002 in der Schweiz durch Behörden sichergestellt werden. Seit 2008 sind die Funde nun dauerhaft im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zu sehen.
Die bronzene Scheibe selbst war über viele Generationen im Gebrauch. Das Himmelsbild wurde während dieser Zeit, wahrscheinlich sobald sie in die Hände neuer Besitzer gelangte, mehrfach grundlegend verändert. Die detailgenaue Wiedergabe komplexer astronomischer Phänomene und religiös behafteter Symbole machen die Himmelsscheibe zu einem Schlüsselfund der europäischen Vorgeschichte. Sie ist damit einer der ältesten Belege für die erstaunlichen astronomischen Kenntnisse des Menschen am Beginn der Bronzezeit.
Im Zuge des Vortrages wird neben den astronomischen Zusammenhängen auch die weitreichende archäologische und kulturhistorische Bedeutung des Fundes beleuchtet.
24. Oktober: Bevor Kolumbus kam: Prähistorische Landnutzung und Umweltentwicklung im bolivianischen Amazonasgebiet
Heinz Veit Universität Bern
Das Amazonasgebiet war schon immer voller Mystik und magischer Geschichten. Dies gilt häufig auch für den wissenschaftlichen Kenntnisstand über die Vergangenheit dieses grössten Flusseinzugsgebietes der Erde (± 7 Mio. km2) und seiner Ureinwohner. Wie empfindlich reagiert dieses tropische Ökosystem auf Klima- und anthropogene Umweltveränderungen? Haben wir dazu Beispiele aus den vergangenen Jahrtausenden?
Die menschlichen Aktivitäten und die Kulturentwicklung vor der Kolonisierung sind bislang weitgehend unbekannt. Die Vorstellungen davon variieren zwischen einfachen Jägern und Sammlern, die durch unberührte Regenwälder und Savannen streiften, bis hin zu intensiv kultivierten „Gartenlandschaften“, hoher Bevölkerungsdichte und komplexen Gesellschaftsstrukturen. War die Bevölkerungsdichte wegen der ungünstigen Umweltbedingungen (unfruchtbare Böden, häufige Überschwemmungen) gering, oder hatten die präkolumbischen Kulturen Kenntnisse der Landnutzung, die heute verloren gegangen sind, und die eine sesshafte Lebensweise mit hoher Bevölkerungsdichte ermöglichten? Die „Wiederentdeckung“ dieser Kenntnisse hätte dann grosse Bedeutung für die heutige und zukünftige Entwicklung im Amazonasbecken.
Im Vortrag werden diese Fragen diskutiert und der Beitrag unseres aktuellen SNF-Forschungsprojektes dazu vorgestellt.
7. November: Verletzlichkeit und Anpassung im Kontext des Klimawandels in den DEZA-Partnerländern
Ueli Mauderli DEZA Bern
Als unbequeme Begleiterscheinung eines seit eineinhalb Jahrhunderten historisch beispiellosen weltweiten Fortschritts, der zu einem beträchtlichen Anteil auf der Nutzung fossiler Energiequellen beruht, fordert der Klimawandel Entscheidungsträger in der Entwicklungszusammenarbeit in einer nur auf den ersten Blick paradox anmutenden Weise besonders heraus. Einerseits sind weiteres Wachstum und Ressourcenzugang für die Armutsbekämpfung und für die Entwicklung einer wachsenden Weltbevölkerung weiterhin notwendig. Andererseits sind Armutsbekämpfung und eine Weltwirtschaft wie wir sie kennen in Frage
gestellt, wenn nicht in allen Ländern tiefgreifende und dauerhafte Massnahmen im Bereich effizienterer Energie-, Land-, Wald und Wassernutzung getroffen werden und sich Institutionen und Bevölkerung an die fortschreitende Erwärmung und ihre Folgen hinreichend anpassen. Die Realpolitik vieler Länder, Institutionen, Firmen und der globalen Gemeinschaft zeigt, dass balancierte Massnahmen für die Anpassung an den Klimawandel und die kostengünstigste Stabilisierung der Erderwärmung auf zusätzliche 2°C trotz auf der Hand
liegender Dringlichkeit nicht in Hauruck-Übungen umgesetzt werden können. Überall bedürfen Entscheidungsträger positiver Bespiele wirksamer Handlungsalternativen, um sich verbindlicher festzulegen. Bevölkerung, Infrastruktur, natürliche Ressourcen, Institutionen, privates und öffentliches Kapital sind in den Partnerländern der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) durch eine Reihe von Klimarisiken unterschiedlich bedroht. Bezüglich Entwicklungs- und Ausbildungsbedürfnissen in der Land- und Energienutzung und in der Anpassung stehen die Länder vor zum Teil sehr ähnlichen Herausforderungen. Das Im Jahre 2008 zum Beitrag der DEZA an die Lösung des Globalen Problems ins Leben gerufene und besonders in Schwellenländern arbeitende Globale Programm Klimawandel der DEZA existiert nunmehr seit drei Jahren. Wir ziehen eine erste Bilanz und beantworten die folgenden Fragen: Wie erfolgreich sind die klimaspezifischen Aktivitäten des Globalen Programmes? Wo stehen die Partnerländer und die DEZA bezüglich des Klimawandels? Was wurde bereits erreicht, welches sind die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen?
21. November: Umweltrisiken in der Geschichte der Stadt St. Gallen am Beispiel der Pest
Walter Frei St. Gallen
Pestilentia darunter verstanden die Römer, was ungesund sein kann: die Luft, die Witterung, das Jahr, die Gegend, das Wohnhaus. 1349 erreichte das grausame Massensterben, der „Schwarze Tod“, erstmals auch die Stadt St. Gallen. Aufgebrachte Menschenmengen sagten hier weiter, unsere Brunnen seien vergiftet, und weil man Schuldige brauchte, verbrannte man am 23. Februar auch hier alle Bewohner der „Judengasse“. Trotz allem Vernichten von Juden wütete die Pest während drei Jahrhunderten weiter in Europa. Für St. Gallen sind zwölf weitere schwere Pestzeiten überliefert.
Glücklich nannte sich, wer da für längere Zeit einen „Luftwechsel“ vornehmen und auf seinen Landsitz ausweichen konnte. Die Prestenscherer, der Apotheker und die Pfarrer aber mussten mit der werktätigen Bevölkerung dableiben, so riskant das war. Die reformierte Stadtregierung verordnete, sich jetzt in die Heimsuchung und Strafe Gottes zu schicken, einen gottgefälligen Lebenswandel zu führen, das Haus sauber zu halten und alles wegzuschaffen, woraus schlechte Luft entstehen konnte. Im Kloster erbat man sich Hilfe vom heiligen Sebastian, wurden die Räume jeden Tag mit Wacholderbeeren ausgeräuchert und man sorgte ebenfalls für frische Luftzufuhr.
Wahrscheinlich hing das Auslöschen der Pest aber zusammen mit der Verdrängung der schwarzen Pestratte durch die heutige braune Wanderratte. Der Pesterreger Yersinia Pestis wurde 1894 in Vietnam vom Waadtländer Yersin entdeckt.
5. Dezember Klimawandel: Herausforderung für den alpinen Tourismus
Bruno Abegg HTW Chur
Das Klima wird dem alpinen Tourismus weiter einheizen. In den Szenarien wird von folgenden Entwicklungen ausgegangen: Die Temperaturen werden steigen besonders ausgeprägt im Sommer sowie in Gebieten über 1500 Metern. Im Sommer dürfte es trockener werden, im Winter dagegen eher feuchter. Der Winterniederschlag wird indes der höheren Temperaturen wegen häufiger als Regen fallen.
In tieferen und mittleren Lagen muss also mit einer deutlichen Verschlechterung der Schneeverhältnisse gerechnet werden mit den hinlänglich bekannten negativen Folgen für den Skitourismus. Für den alpinen Sommertourismus können sowohl negative als positive Auswirkungen abgeleitet werden. Negativ werden die Veränderungen der Landschaft (z.B. Gletscherrückgang etc.) beurteilt; positiv eine allfällige Erhöhung der klimatischen Attraktivität, deuten doch die projizierten Veränderungen auf eine Verbesserung des Sommerwetters und eine Verlängerung der Sommersaison hin.
Klar ist, dass sich der alpine Tourismus an die verändernden klimatischen Gegebenheiten anpassen muss. Wie eine solche Anpassung vonstatten gehen kann, wird anhand von konkreten Beispielen aufgezeigt. Dabei wird auch die bekannteste Massnahme, die technische Beschneiung, einer kritischen Analyse unterzogen.